ERZÄHLTES LEBEN

»In 300 Metern links abbiegen.«
Links? Wo soll denn da etwas zum Abbiegen sein? Außer dem graugelben Gebäude an der Straße, ein paar windschiefen Scheunen und einer grauen Ausbuchtung, vermutlich ein Wendehammer, um hier am Ende der Welt wieder umdrehen zu können, ist da doch nichts. Dazwischen und dahinter fangen gleich die Felder an. Das Dorf selbst liegt rechts der Straße, wo, oha, gerade einer mit Traktor und Anhänger zackig herausgebogen kommt, abbremsen und auf die Vorfahrt achten ist hier wohl noch unbekannt.
Tatsächlich, gleich nach dem graugelben Gebäude geht ein Weg nach links ab, man sieht ihn erst von hier, Straße kann man das kaum nennen, aber es weist sogar ein Wegweiser hinein, steht da etwa?, ja genau: Nordelsheim 1 km. Das erste Mal, dass es einen Hinweis auf das Örtchen gibt – ich bin gespannt, was mich dort erwartet: Geduckte Häuser vielleicht, in denen man hinter vorgezogenen Gardinen heimlich die fremde Besucherin beobachtet, eine blonde Frau, in Hosen und auch noch ohne Begleitung. Ob Endlichs Eltern auch von diesem Schlag sind? Und wenn schon, sie sollen mir einfach nur sagen, ob der Tote ihr Sohn ist oder nicht.
»Fahren Sie jetzt 1200 Meter geradeaus.«
Nach der windschiefen Scheune rechts fangen auch schon die Felder an. Eins der Felder sieht nach einem Rasenfußballplatz aus, sattes Grün, schön gepflegt – was man von der Straße nicht unbedingt sagen kann. Die hat wahrscheinlich schon seit Jahren keine Straßenmeisterei mehr gesehen. Ein Schlagloch jagt das nächste, und wenn einer entgegenkommt, wird es eng, da bleibt als Ausweichmöglichkeit nur der frisch gepflügte Acker.
Dunst liegt über den Feldern, weiter vorne zieht er schon in einzelnen Schwaden über die Straße, die ganze Fahrt über gab es kein Fitzelchen davon und jetzt auf einmal … wird er auch noch dichter, das ist schon kein Dunst mehr, sondern Nebel, wie aus dem Nichts. Man sieht keine 50 Meter mehr weit, unglaublich, wie im tiefsten Herbst. Langsam, die Geschwindigkeit anpassen, der Nebel darf nicht die Kontrolle übernehmen, niemand darf das. Auf der Straße fehlen jegliche Markierungen, da landet man unter diesen Bedingungen auch ohne Gegenverkehr schnell im Acker, wenn man nicht aufpasst. Weit kann es eigentlich nicht mehr sein. Ob der Nebel bis ins Dorf anhält? Jesses, möglicherweise erfährt man das nie, weil man in einem der tausend Schlaglöcher liegen bleibt.
Da vorne scheint es wieder ein wenig lichter zu werden, also doch eher eine Nebelbank, alles andere hätte mich auch verwundert. Vielleicht liegt unterhalb der Felder ein Gewässer, ein Bach oder sowas, von wo der Nebel aufsteigt. Schemen von Häusern zeichnen sich ab, werden klarer, alte Häuser, der Kirchturm, Bäume, die sich wie ein Wall um das Dorf ziehen und … jenseits davon … ein großes, graues Gebäude mitten im Feld. Was das wohl sein mag? Nordelsheim, Kreis Alzey-Worms, sagt das Ortsschild. Da wären wir also. Der Nebel ist wie ins Nichts zurück verschwunden, der Himmel zeigt kleine, blaue Flecken.
»In 100 Metern rechts abbiegen, in die Wassergasse, dann 50 Meter weiter fahren.«
Statt windschiefen Scheunen bröckeln hier alte Höfe vor sich hin. Die Tore sind geschlossen. Ein paar Autos parken auf dem Gehweg, was nicht erlaubt ist, aber darum soll sich das Ordnungsamt kümmern. Der Wagen fängt an zu rütteln, grobes Kopfsteinpflaster ersetzt die Schlaglöcher, dass es so etwas noch gibt. Auf der rechten Seite sind die geraden Hausnummern, 12, 10, 8, eine abbruchreife Scheune … .
»Jetzt rechts halten. Sie haben ihr Ziel erreicht.«
Am besten ich parke den Wagen unterhalb der Hofeinfahrt. Das Tor steht offen, daneben das unverputzte Wohnhaus, die groben Steine sehen fast südländisch aus. Hier ist Endlich also aufgewachsen, auf einer Art Bauernhof. Wie bringe ich es den Eltern, einfache Leute vermutlich, am verständlichsten bei? Links und rechts vom Tor wachsen Rosen wild an der Mauer entlang. Das Tor ist mehrere Meter hoch, als müsste man mit einem LkW durchfahren können, darüber ein Tordach, wie putzig.
Eine Klingel oder so etwas ist nicht zu sehen, man kann wohl einfach reingehen. Falls es einen Hofhund gibt, rate ich ihm, mir nicht zu nahe zu kommen, sonst gibt es einen Tritt. Ich kann die kläffenden Viecher nicht ausstehen, selbst die von der Spurensuche nicht. Die Tore des hinteren Gebäudes, eine Scheune vermutlich, stehen ebenfalls offen. Man kann durch sie hindurch in den Bereich dahinter sehen. Jemand bewegt sich dort, eine ältere Frau, das könnte die Mutter von Endlich sein, ihre Bewegungen sehen nach Gartenarbeit aus.
Die Zeit scheint hier stehen geblieben zu sein, Stalltüren hängen schief in den Angeln, Tiere dahinter sind kein zu hören, dennoch riecht es nach etwas, nach etwas grasigem, was ist das, Stroh? Die Wände um die Türen herum sind grau, als habe man sie mit Asche gewaschen. Einen Traktor gibt es auch, man fährt also nicht mehr mit dem Ochsenkarren hinaus, aber auch er sieht schon in die Jahre gekommen aus, Rostflecken nagen sich durch den blauen Lack. Eine Katze hat sich auf der Motorhaube zusammengerollt, sie döst in aller Ruhe vor sich hin, einen Hund scheint es demnach nicht zu geben, das ist auch sein Glück.
Die ältere Frau scheint mich nicht herankommen zu hören. Wie wird sie reagieren, wenn ich, eine Fremde, plötzlich neben ihr stehe? Sie fährt mit einer Hacke durch die Erde eines der vielen Gemüsebeete. Ein paar Blumen blühen am Rand und jenseits des Zauns reihen sich die riesenhaften Bäume auf, die ich bereits während der Anfahrt gesehen habe. Sie werfen Schatten über die Beete. Die Frau trägt hellblaue, jeansartige Hosen und eine braune Strickjacke. Ihre grauschwarzen Haare sind hinten zu einem altmodischen Knoten zusammengebunden. Sie arbeitet gebeugt, ein alternder Körper, der immer mehr an Form verliert. Ich räuspere mich:
»Entschuldigung … .«
Jetzt schaut sie auf. Ihr Gesicht ist etwas aufgeschwemmt und mit Runzeln durchzogen wie ein überreif werdender Apfel. Sie schaut erstaunt, Fremde verirren sich wahrscheinlich nicht allzu oft hierher.
»Ja?«
Sie hält mit dem Hacken inne und richtet sich auf. Für eine Frau in ihrem Alter ist sie erstaunlich groß.
»Guten Tag, ich bin Kommissarin Gruber von der Kripo Mainz.«
Ich halte ihr meinen Dienstausweis entgegen.
»Sind sie Frau Endlich?«
»Ja, das bin ich. Was … ?«
»Es geht um ihrem Sohn Peter.«
»Ist etwas mit ihm passiert?«
»Das wissen wir noch nicht genau. Können wir uns kurz in Ruhe unterhalten?«
Frau Endlich schaut mich verwirrt an, als würde sie meine Worte nicht richtig verstehen. Ihr Blick bleibt an mir hängen, an meinem Körper, an meiner Kleidung. Hat sie eine Uniform erwartet? Dann löst sich der verwirrte Ausdruck auf und ein unsicheres Lächeln erscheint auf ihrem Gesicht.
»Ja dann … gehen wir am besten ins Haus. Mein Mann ist gerade vom Wingert zurückgekommen.«
Sie nimmt die Hacke, geht … zu einem kleinen Schuppen, der hinter dem Gartentor an die Scheune angebaut ist und stellt sie in eine Ecke zu den anderen Gartenwerkzeugen.
»Kommen Sie, hier entlang.«
Wir gehen durch die Scheune zurück in den Hof. Frau Endlich geht leicht nach vorne gebeugt voran und ich ringe mir ein paar nette Worte ab:
»Einen schönen, großen Garten haben Sie.«
»Ach ja, der ist eher nützlich als schön. Die Ulmen nehmen halt viel Licht weg.«
»Die großen Bäume?«
»Ja. Aber damit müssen wir leben. Die stehen schon seit mehreren hundert Jahren hier und werden das auch noch tun, wenn es uns schon längst nicht mehr gibt.«
»So alt sind die schon?«
»Ulmen werden sehr alt. Wenn sie nicht vom Käfer befallen werden, wie nach dem Krieg. Die hier im Dorfgraben sind die einzigen in der Region, die den Käferbefall überlebt haben.«
Aha.
»Gehen Sie doch schon einmal vor, die zweite Tür rechts. Ich muss mir noch die Gartenschuhe ausziehen.«
Die Treppe ins Haus ist aus grauem Stein. Am Rand wachsen ein paar Grashalme. In den Bronchien sammelt sich eine Hustenattacke. Diesen Scheiß hätte ich in der Idylle hier fast vergessen.
Der Flur ist eng und liegt im Halbdunkel. Das wenige Licht kommt von der Tür gegenüber, die scheinbar wieder auf die Straße hinausführt. Die Luft riecht nach schwerem Mittagessen und Trockenblumen. Die zweite Tür rechts ist angelehnt. Ich klopfe an. Ein männliches Organ bittet mich einzutreten.
»Herr-rein.«
Der Vater sitzt der Tür gegenüber am Esstisch, auf einer Bank, die Zeitung vor sich auf dem Tisch ausgebreitet. Die dünnen, graubraunen Haare sind streng nach hinten gekämmt und mit Haarspray auf dem Kopf festgeklebt. Er schaut von der Zeitung auf, eine dickrahmige Discountbriller abnehmend, kleine, rote Flecken überziehen sein Gesicht. Sein Hals verschwindet fast zwischen Kopf und Schultern – der Sohn kommt der Figur nach wohl eher nach der Mutter.
»Mein Name ist Gruber von der Kriminalpolizei in Mainz. Ich habe gerade schon mit ihrer Frau gesprochen. Darf ich reinkommen?«
»Die Kriminalpolizei … ?«
Stimme und Augen bleiben verwundert in der Luft hängen. Von dort bitten sie mich, selbstverständlich, hereinzukommen und Platz zu nehmen. Ich setze mich auf den Stuhl neben ihn. Von da kann man durch einen Türrahmen in die Küche sehen. Ein alter, weißer Herd lehnt sich an einen unlackierten Küchenschrank, Einzelstücke wie in der Voreinbauküchenzeit. Herr Endlich legt die Brille auf der ausgebreiteten Zeitung ab.
»Lesen Sie gerade, was es neues in der Welt gibt?«
»Ja, man muss ja wissen, was um einen herum geschieht. Aber verstehen tun wir das immer weniger, meine Frau und ich, überall Mord und Totschlag.«
Und ich bringe, das, was sie nicht verstehen, jetzt auch noch zu Ihnen nach Hause.
»Diese ganzen Anschläge und … und Banden hat es früher nicht gegeben.«
Seine Augen bleiben erneut in der Luft hängen. Irgendwo dorthin muss die Zeit verschwunden sein, als die Welt noch eine bessere war, in Teilen zumindest.
»Wobei … da war auch nicht alles Gold was glänzt.«
Mit der Hand, groß wie ein Wurstteller, wischt er über die Zeitung und schnippt einen Essenskrümel von der Tischkante.
Im Türrahmen erscheint Frau Endlich.
»Möchten Sie etwas trinken Frau Polizeibeamtin?«
Aus ihrer Stimme ist der Respekt förmlich herauszuhören. Weil es meine Aufgabe ist, sie vor dem Bösen zu schützen. Wenn es nur so einfach wäre.
»Nein, danke.«
»Ach woher, bring der Frau Polizistin ruhig eine Tasse Kaffee, Eva.«
»Kaffee?«
»Sehr freundlich, aber ich trinke zurzeit keinen … .«
»Was darf’s denn sonst sein?«
Aus der Nummer komme ich ohne unhöflich zu sein wohl nicht mehr raus.
»Wenn Sie ein Wasser hätten.«
»Haben wir noch Sprudel im Haus, Heine, du brauchst es doch immer für deinen Schluckauf.«
»Im Hausschrank müsste noch eine halbe Kist’ stehe.«
Frau Endlich verschwindet wieder in der Küche, eine Tür quietscht, eine andere klappt auf und zu und sie kommt mit einem Tablett, Wasser, Gläser und Knabberzeug zurück.
»Das wäre wirklich nicht nötig gewesen.«
»Iwo.«
»Könntest Du mal die Zeitung, Heine.«
Die Zeitung, natürlich, Herr Endlich schlägt sie zusammen und legt sie neben sich auf die Bank. Seine Frau schenkt Mineralwasser ein, sagt »Greifen Sie zu« und setzt sich dann zu uns.
»Sie haben gesagt, sie kämen wegen unserem Peter.«
Früher hat man angeblich die Überbringer schlechter Nachrichten umgebracht. Wie viele Tode wäre ich da bereits gestorben?
»Vorgestern Nacht wurde auf der Straße von Mainz nach Budenheim ein Mann überfahren. Der Mann trug den Ausweis ihres Sohnes bei sich.«
Frau Endlich hält sich erschrocken die Hand vor den Mund.
»Sie meinen … .«
Ihr Mann greift nach ihrer anderen Hand, drückt sie.
»Aber der könnte auch gestohlen worden sein, in der heutigen Zeit.«
Auf dem Gesicht von Frau Endlich schimmert so etwas wie Hoffnung auf - dass ihr Mann Recht hat. Möglicherweise hat er das auch. Aber ich darf die Hinweise darauf nicht offenlegen. Das würde die Identifikation beeinflussen. Sie muss frei von Vermutungen stattfinden, objektiv. Das mag grausam sein, die beiden Alten so im Ungewissen zu lassen, nur so viel:
»Wir ermitteln in verschiedene Richtungen. Die Identität der Leiche wurde noch nicht endgültig geklärt. Dazu brauche ich ihre Hilfe.«
Ich gebe Herrn Endlich den Ausweis.
»Ist das auf dem Ausweis ihr Sohn?«
Er zeigt ihn seiner Frau, beide nicken stumm.
»Aber wieso … ?«
Frau Endlich kämpft jetzt mit den Tränen.
»Das Problem ist, dass wir das Foto auf dem Ausweis nicht mit dem Gesicht des Toten vergleichen können, weil … das Auto ihn am Kopf erfasst hat.«
»Oh Gott … .«
»Ich möchte sie daher bitten, mit mir nach Mainz in die Rechtsmedizin zu kommen, um uns anhand der Kleidung, des Körperbaus oder körperlicher Merkmale zu sagen, ob der Tote ihr Sohn ist oder nicht.«
»Das heißt es ist noch nicht sicher?«
»Wie gesagt, wir ermitteln in verschiedene Richtungen.«
Herr Endlich gibt mir den Ausweis mit erstarrter Miene zurück. Mein Mund ist seltsam trocken. Ich nehme einen Schluck Wasser und huste mir einen Anfangsreiz aus den Bronchien.
»Da wären noch zwei weitere Dinge, bei denen Sie mir möglicherweise weiterhelfen können. In der Nähe des Unfallorts wurde ein Motorroller gefunden, eine rote Vespa mit dem Kennzeichen AZ-OG-84. Der Roller ist auf ihren Namen zugelassen, Herr Endlich. Ist ihr Sohn damit gefahren?«
»Ist er etwa mit dem Roller … ?«
»Wir dachten, er würde nicht mehr damit fahren.«
Also ja.
»Hatte er sich den Roller ausgeliehen, oder … ?«
Herr Endlich windet sich, wippt mit seinem Oberkörper leicht hin und her.
»Der Roller hat ursprünglich mir gehört. Ich musste aber aufhören damit zu fahren, wegen den Augen, wissen Sie. Unser Peter hat ihn dann mit nach Mainz genommen.«
»Verstehe. Und sie haben vergessen ihn umzumelden.«
Frau Endlich schaut verängstigt und sagt leise zu ihrem Mann:
»Das hätten wir wirklich ändern sollen, Heine.«
»Wir haben’s halt vergessen, Eva.«
Streng genommen ist das tatsächlich nicht in Ordnung gewesen. Ein Kraftfahrzeug muss immer auf den Hauptnutzer angemeldet sein. Aber das ist mir im Moment ziemlich egal. Frau Endlich braucht keine Angst deswegen zu haben.
»Das ist jetzt nicht so schlimm. Was mich vielmehr noch interessieren würde: Ihr Sohn hat mitten in der Nacht die Wohnung verlassen und ist vermutlich mit dem Roller in den Gonsenheimer Wald gefahren, dort wo der Roller gefunden wurde. Können Sie sich das erklären?«
Frau Endlich wirft ihrem Mann einen flüchtigen Blick zu.
»Naja, das … ist nicht ungewöhnlich.«
Nicht ungewöhnlich.?
»Wie meinen Sie das?«
»Wissen Sie, seit der Sache mit der Olga, ist er immer wieder mal nachts aufgestanden und enaus ins Feld. Richtung Undenheim gibt’s ein kleines Wäldchen, da hat er sich immer gern auf so einen Hochsitz gesetzt. Und manchmal … .«
»Manchmal?«
»Ist er auch ganze Tage weggeblieben. Wir haben uns anfangs natürlich Sorgen gemacht, aber er ist immer wieder zurückgekommen.«
»Wissen Sie wo er dann gewesen ist?«
»Nein, er wollt’ nie darüber sprechen und wir wollten ihm … nichts aufzwingen.«
»Aber sonderbar fanden sie es schon.«
»Ja, natürlich, also wir dachten, dass es vielleicht sowas ist, wie wenn ich net schlafen kann, gell Eva. Die Kränk soll’s kriegen, das geht manchmal tagelang so. Dann steh ich auf und fahr enaus ins Feld. Sowas soll ja erblich sein.«
Naja, nach Schlaflosigkeit sieht das beim Sohn nicht gerade aus, aber wie war das gerade … ?
»Was meinen Sie mit ›die Sache mit der Olga‹, Frau Endlich?«
Die beiden Alten schauen sich an.
»Am besten wir zeigen Ihnen ein paar Fotos.«, sagt sie, steht auf und geht zu dem alten Sekretär, der neben der Tür steht. Aus dem oberen Fach nimmt sie ein blaues Album heraus. Für Familienfotos ist jetzt eigentlich keine Zeit, aber Frau Endlich schlägt das Album gezielt auf, schiebt das schützende Pergamentpapier zur Seite und ihr Mann deutet mit dem Finger auf ein Foto:
»Olga Galberin, unserem Peter seine Jugendfreundin. Das ist sie. Ein wunderhübsches Mädsche.« Das Foto zeigt eine junge Frau, schätzungsweise 18 bis 20 Jahre alt, etwa einssiebzig groß. Sie hat lange, irgendwie zu einem Knoten zusammengebundene dunkelbraune Haare und schaut ernst und mit verschränkten Armen in die Kamera. Im Hintergrund ein Pfosten, der aussieht wie der eines Fußballtors. Ein ungewöhnlicher Ort für ein Mädchen, damals. Ja, eine schöne junge Frau, das Gesicht hat einen leicht dunklen Teint und ist nahezu ebenmäßig geschnitten. Olga Galberin. Die Initialen ihres Namens ergeben … OG. Wie auf dem Nummernschild.
»Die Buchstaben ›OG‹ auf dem Kennzeichen des Rollers, sollen das die Anfangsbuchstaben ihres Namens sein?«
»Ja, und 84 ihr Jahrgang. Des Nummernschild ist halt so eine Erinnerung, wissen Sie, weil der Roller, der war ja auch für die beiden gedacht gewesen, wenn der Peter den Führerschein …, aber dazu ist es ja nicht mehr gekommen … .«
Warum? Ich schaue Herrn Endlich fragend an. Aber er starrt vor sich hin, als würde er nie wieder ein weiteres Wort sagen wollen. Seine Frau faltet die Hände auf dem Tisch, öffnet zögerlich den Mund, die Stimme brüchig:
»Olga wurde kurz nach diesem Foto in der Nähe der Maschinenfabrik tot aufgefunden.«
»Maschinenfabrik?«
»Ja, das große Gebäude, was man schon von weitem sieht.«
Das ist also dieser große, graue Klotz, eine ehemalige Maschinenfabrik.
»Die Fabrik steht bereits seit Jahren leer. Aber damals wurden noch Maschinen hergestellt.«
»Und an was ist sie gestorben?«
»Eine … Überdosis Drogen hieß es, von den Ärzten.«
»Wir haben ihnen kein Wort geglaubt. Das Mädsche hat enorm viel Sport gemacht, beim Fußball hat’s die ganzen Buben in Grund und Boden gerannt, zum Teufel nochemal.«
Endlich haut mit der Faust, hoppla, krachend auf den Tisch.
Seine Frau nimmt ihn erschrocken am Arm.
»Heine, komm, du weißt doch, das macht sie auch nicht mehr lebendig.«
»Welche Ärzte waren das denn?«
»Na die, die sie untersucht haben, als sie tot war. Die Gutachter da. Die waren doch alle von der Fabrik gekauft!«
»Wieso meinen sie das?«
Herrn Endlich steigt das Blut ins Gesicht.
»Das sportlichste Mädsche hier im Ort soll plötzlich drogenabhängig gewesen sein? Das können die einem erzählen, der die Hose mit der Beißzang anzieht!«
»Aber wieso sollten die ärztlichen Gutachter lügen?«
»Ach was weiß ich, das sind doch alles Gauner.«
»Heine, komm … .«
Nicht nur auf dem Kennzeichen ist Olga Galberin noch immer gegenwärtig. Für den alten Endlich scheint sie mehr als nur die Jugendfreundin seines Sohns gewesen zu sein.
Er holt ein großes Stofftaschentuch aus der Hose und schneuzt hinein. Frau Endlich streicht ihm zärtlich über die Schulter.
»Wohnt die Familie Galberin noch hier?«
»Nein, sie sind nach der schrecklichen Sache weggezogen.«
Die Gutachter müssen aus der Rechtsmedizin gewesen sein. Vielleicht weiß Martenstein etwas davon. Aber im Moment führt das zu weit. Wir müssen bei der Sache bleiben, bei ihrem Sohn. Er könnte das auf dem Foto sein, das neben dem von Olga eingeklebt wurde. Alte, schwarze Fotoecken umrahmen den dünnen Körper. Er hat ein dunkelblaues Sweatshirt an, auf dem in weißer, geschwungener Schrift ›Starbuck‹ steht. Gab’s diese Kaffeekette denn damals schon? Er lächelt etwas verkrampft.
»Das ist Peter, oder?«
»Ja, mit seinem Lieblingspullover. Ich musste ihn immer im Schongang waschen. Olga hatte ihn aus Amerika mitgebracht, von dieser Weltraumserie.«
»Weltraumserie?«
»Also wir kennen uns da ja auch nicht so aus, bei diesen ausländischen Serien. Aber unser Peter und die Olga haben damals keine einzige Folge verpasst.«
»Und die Serie hieß ›Starbuck‹?«
»Nein, dieses Starbuck ist eine von diesen Hauptfiguren gewesen, die Serie hieß anders, die hatte so einen amerikanischen Namen gehabt, wie war das noch Eva, irgendetwas mit ›Star‹.«
Das liegt bei einer Weltraumserie durchaus nahe, etwas mit Sternen. Wie dem auch sei - wir sollten jetzt allmählich aufbrechen.
»Aha, die Serie muss mir damals wohl entgangen sein. Ich würde Sie dann gerne zum Auto bitten.«
Herr Endlich schaut seine Frau unsicher an.
»Müssen wir uns dafür sonntags anziehen?«
»Nein, das müssen sie nicht, Herr Endlich.«
Den Toten ist unser Aussehen ziemlich egal.